Zitiert: Mankell über Wallander & die Bibliothek

Was macht Wallander, wenn er in seinen Ermittlungen nicht mehr weiter kommt und mehr Hintergrundinformationen benötigt? Ja klar, er geht in die Bibliothek:

Under de utdgragna morgontimmarna hade han fortsatt att grubbla över cylindern. Nu tog han bilen till biblioteket och bad om hjälp med att få fram all litteratur som fanns i hyllorna om ubåtar, örlogsfartyg i allmänhet och faktaböker om moderna krigföring. Bibliotekarien, som hade varit klasskamrat med Linda, plockade ihop en stor trave.

Die hilfsbereite Bibliothekarin wird zwar nicht näher beschrieben, aber zumindest handelt es sich dabei, für einmal, nicht um die stereotype ältere Dame, denn Wallander erkennt sie als eine ehemalige Schulkollegin seiner Tochter Linda, die inzwischen 37 ist.

Auch als der Fall schliesslich gelöst und abgeschlossen ist, beschäftigen Wallander die Hintergründe der Geschehnisse weiterhin. Und so zieht es ihn wiederum in die Bibliothek, um nachzulesen, was er zwar selbst miterlebt, aber nicht wirklich mitbekommen hat:

Han besökte biblioteket i Ystad några gånger under hösten och lånade böker om den svenska efterkrigshistorien. Han läste om alla de politiska diskussioner som förts om Sverige skulle skafa sig atomvapen eller gå med i Nato. Trots att han varit på väg att bli vuxen när en del av dessa debatter hade förts, hade han inget minne av hatt ha reagerat på vad politikern talade om. Det var som on han hade levt i en glasbubbla.

Aus: Mankell, Henning. Den orolige mannen. En Kurt Wallander-roman. Stockholm: Leopard Förlag, 2009. 978-91-7343-265-8.

 

Den orolige mannen ist nun also, 18 Jahre nach Erscheinen des ersten Romanes mit dem eigenwilligen Kommissar von Skåne (Mördare utan ansikte, 1991), der 10. und allerletzte Wallander-Krimi. Wallander wird in einen verzwickten Fall verwickelt, der eigentlich gar nicht in seinen Zuständigkeitsbereich fällt, den aufzuklären er sich aber dennoch verpflichtet fühlt. Die Geschehnisse finden nämlich sozusagen in der Familie statt, nachdem die in Stockholm lebenden Eltern von Hans, Lindas Lebenspartner und Vater von Wallanders erstem Enkelkind, kurz nacheinander spurlos verschwinden. Die Geschichte führt zurück in die Zeit des Kalten Krieges, in U-Boote, Spionage-Kreise, die USA und hinaus in Stockholms Skärgården. Die Auflösung des Falles ist durchaus überraschend, auch wenn man sich gegen Ende gewisse Sachen selbst zusammenreimen kann. Spannend zu lesen ist der Roman auf jedenfall, nicht nur wegen des Falles an sich.

Das Buch ist denn auch in vieler Hinsicht ein Buch der Abschlüsse. Wallander erfüllt sich endlich seinen Traum und zieht auf’s Land, inklusive Hund. Er macht sich Gedanken und Sorgen über die Zukunft, das Alter und die Einsamkeit und schliesst, mehr oder weniger freiwillig, mit Teilen seiner Vergangenheit ab. Das Ende des Buches schliesslich ist traurig und macht klar, warum es keinen weiteren Roman mit Wallander mehr geben wird, auch wenn er, soviel sei hier verraten, nicht stirbt.

Aber 2002 erschien ja mit Innan Frosten (Vor dem Frost) der erste Fall mit Linda Wallander, die in die Fussstapfen des Vaters getreten und ebenfalls Polizistin geworden ist und ausserdem am Ende von Den orolige mannen gerade ihren Mutterschaftsurlaub beendet. So wird uns Wallander vielleicht doch noch mal wieder begegnen, auch wenn er sich dann nicht mehr Verbrechern, sondern vielmehr seiner Familie und seiner Enkelin widmen wird.

 Zum Schluss noch ein Zitat von Wallanders Grübeleien, das mir ganz gut gefallen hat:

 Man tror att mäniskor för alltid blir borta. Sen vaknar man en dag och vet att ingenting är förbi. Människor som betytt nåt viktig kann man aldrig gör sig helt och hållet fri ifrån.

(Man glaubt, dass die Menschen für immer weg sind. Dann wacht man eines Tages auf und weiss, dass nichts vorbei ist. Von den Menschen, die einem etwas bedeutet haben, kann man sich nie voll und ganz befreien.)

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